🎧 Nachschlag für die schwafelnde Existenz

Karikatur eines Mannes mit Kopfhörern, der entspannt mit den Füßen auf dem Schreibtisch sitzt und eine Gitarre spielt.

Man könnte meinen, Playlists seien heute nichts weiter als digitaler Hintergrundlärm – algorithmisch sortierte Belanglosigkeit für Menschen, die sich nicht mehr entscheiden wollen.
Und dann gibt es die anderen. Die, die bleiben.

Zur Einordnung:
Dies hier ist die Fortsetzung von „Soundtrack einer schwafelnden Existenz“.
Kein Update, kein Content-Nachschub – eher ein weiteres Kapitel in einem fortlaufenden Selbstgespräch mit musikalischer Begleitung.

Ich habe einmal eine der treffendsten Beschreibungen von Musik gehört – von Reinhard Mey.
Er nannte sie ein Lebensmittel.

Das klingt zunächst harmlos. Fast ein wenig zu klein für etwas, das uns durch halbe Biografien trägt.
Aber genau darin liegt die Präzision.

Musik nährt.
Nicht den Körper – der kommt auch ohne klar –, sondern das, was übrig bleibt, wenn der Alltag fertig ist mit einem.
Sie hält dich wach, wenn du müde bist vom Denken.
Sie hält dich fest, wenn du kurz davor bist, dich selbst loszulassen.
Und sie kann – wenn alles passt – aus drei Minuten Ton den Zustand machen, den man sonst nur mit Glück beschreibt.

Das Tragische daran ist nicht, dass wir das vergessen.
Sondern wie selten wir uns die Zeit nehmen, es zu merken.

Und genau deshalb geht es hier weiter.


🎵 „Gib mir Musik“ – Reinhard Mey

Man könnte nach so einer Einleitung jetzt große Worte erwarten.
Aber manchmal reicht ein Titel.

„Gib mir Musik.“

Mehr Programm passt nicht in drei Wörter.

Der Song erschien 1996 auf dem Album Leuchtfeuer, Meys 19. Studioarbeit.
Ein Album, das sich nicht entscheiden will und genau deshalb funktioniert: irgendwo zwischen Pop, Folk, Jazz, ein bisschen Cajun hier, ein Hauch Sirtaki da.
Und mittendrin diese Lieder, die nicht beeindrucken wollen, sondern bleiben.

Und dann zeigt Reinhard Mey wieder, warum er das kann wie kaum ein anderer:
Er malt. Nicht mit Farben, sondern mit Erinnerungen.

Da steht plötzlich ein Schellack-Plattenwechsler in irgendeiner Markthalle – und man ist nicht nur Zuhörer, man ist da.
Man riecht das Holz, hört das Knistern, sieht die Zeit, die eigentlich längst vergangen ist.
Mey schafft das scheinbar mĂĽhelos: aus Worten Bilder zu bauen, die sich anfĂĽhlen wie eigene Vergangenheit.

Und im Kern sagt das Lied etwas erstaunlich Tröstliches:
Dass Musik die Kraft hat, den ganzen Dreck auszublenden – Spott, Niederlagen, diese kleinen und großen Demütigungen, die sich sonst so hartnäckig festsetzen.
Für einen Moment ist das alles weg. Nicht gelöscht, aber entmachtet.

Das Tragische daran ist nicht, dass das naiv klingt.
Sondern dass es stimmt.

Denn am Ende bleibt diese einfache Erkenntnis:
Musik macht aus Niederlagen keine Siege –
aber sie sorgt dafür, dass man sie überlebt, als wären sie welche.


🎵 „Demain le monde“ – Patrick Bruel

Man könnte meinen, das Leben einer kleinen Tourband sei vor allem eines: romantisch.
StraĂźen, BĂĽhnen, Applaus.
Die groĂźe weite Welt im Takt eines Gitarrenriffs.

Und dann kommt die Realität.
Miserable Soundchecks, halbleere Säle, Technik, die immer genau dann versagt, wenn sie gebraucht wird.
Dazwischen endlose Kilometer und dieser leicht verzweifelte Versuch, aus Improvisation so etwas wie Professionalität zu basteln.

Zur Einordnung:
„Demain le monde“ erzählt genau davon – aber ohne Bitterkeit.
Eher mit diesem schiefen Lächeln, das nur entsteht, wenn man weiß, dass man eigentlich längst hätte aufgeben können.

Der Kern des Liedes ist schnell erklärt:
Heute Provinz. Morgen vielleicht Welt.
Nicht als Plan – eher als trotziges Mantra gegen die eigene Bedeutungslosigkeit.

Und genau da trifft es.

Weil dieses Versprechen nicht nach auĂźen gerichtet ist, sondern nach innen.
Eine Art Selbstvergewisserung fĂĽr Menschen, die weitermachen, obwohl es keinen vernĂĽnftigen Grund mehr gibt.

Gerade als Musiker erkennt man sich darin sofort wieder.

Ich habe das Lied 1998 in Strasbourg kennengelernt – zu einer Zeit, in der ich selbst mit Gitarre und einem Koffer voller Hoffnungen durch Süddeutschland und Frankreich getingelt bin.
Turnhallen, Gemeindesäle, kleine Bars, diese leicht schummrigen Kneipen, in denen der Applaus manchmal mehr Höflichkeit als Begeisterung war.
Und immer dieser Gedanke im Hinterkopf: irgendwann. Irgendwann klappt das.

Anfang der 2000er stand ich dann in Stuttgart vor meinem ersten – und einzigen – „Tausender“.
Ein Konzert vor ĂĽber tausend Leuten.
Kurz. Laut. Vorbei.

Und irgendwann kommt dieser leise, unspektakuläre Moment, in dem sich etwas verschiebt.
Nicht mit Knall. Eher mit einem Schulterzucken.

Man merkt, dass man nicht fĂĽr das groĂźe Publikum spielt.
Sondern fĂĽr sich selbst.
Und für dieses eine offene Ohr irgendwo im Raum, das wirklich zuhört.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Durchbruch.

Und genau deshalb fĂĽhlt sich dieses Lied nicht an wie Beobachtung.
Sondern wie ein Tagebucheintrag, den jemand anders fĂĽr dich geschrieben hat.

Das Tragische daran ist nicht, dass der groĂźe Traum oft kleiner wird.
Sondern dass er dadurch ehrlicher wird.

Und genau deshalb stimmt’s:
Man spielt weiter.
Nicht für die Welt von morgen –
sondern für die, die heute schon zuhören.


🎵 „Sehnsucht (Das Lied der Taiga)“ – Alexandra

Manche Stimmen gehören nicht in eine Zeit.
Sie entziehen sich ihr und bleiben ewig.

Die Stimme von Alexandra ist so eine.
Dunkel, getragen, fast körperlich – als würde sie nicht singen, sondern erinnern, atmen.

Zur Einordnung:
1969 stirbt sie bei einem Autounfall in Tellingstedt.
27 Jahre alt.
Ein Leben, das gerade erst begonnen hatte, sich zu entfalten – und eine Stimme, die bleibt, als wäre sie nie gegangen.

Ich habe Alexandra nicht entdeckt.
Ich bin zufällig über sie gestolpert als Kind.

Irgendwo im Plattenschrank meines Großvaters – zwischen all den üblichen Verdächtigen – lag diese LP.
Und dann war da diese Stimme.
Sinnlich, melancholisch, stark.
Keine, die sich anbiedert. Eine, die bleibt und sich tief in deine Seele singt.

Man könnte meinen, das sei Nostalgie.
Ist es aber nicht.

Denn hier geht es nicht um Erinnerung, sondern um Möglichkeit.
Um all die Lieder, die nie geschrieben, die nie gesungen wurden.
All das, was hätte kommen können – und nie kam.

Später hatte ich das Vergnügen, Hans Blum kennenzulernen – vielen besser bekannt als Henry Valentino.
Er hat für Alexandra unter anderem „Zigeunerjunge“ geschrieben.
Und wenn er von ihr erzählte, passierte etwas:
Seine Augen leuchteten.

Nicht dieses routinierte Erzählen aus der Musikbranche.
Sondern echte Erinnerung.
Warm. Respektvoll. Fast ehrfĂĽrchtig.

Man merkte sofort:
Das war nicht nur eine groĂźe KĂĽnstlerin.
Das war ein besonderer Mensch.

Und vielleicht erklärt genau das die Wirkung dieses Liedes.

„Sehnsucht (Das Lied der Taiga)“ ist kein Song, den man hört.
Es ist einer, der sich in einen setzt.
Still. Schwer. Und erstaunlich klar.

Später hat Blum ihr noch einmal ein Denkmal gesetzt – mit einem Lied zu ihrem 50. Todestag.
Kein groĂźes Pathos, keine Geste.
Nur die schlichte Erkenntnis, dass manche Stimmen nicht verschwinden, weil sie nie ganz hier waren.

Und genau deshalb stimmt’s:
Man kann vieles verlieren.
Aber nicht das, was wirklich klingt.

Und diese Stimme –
die wird uns hier noch öfter begegnen.


🎵 Ouvertüre – „Vierzig Wagen westwärts“ – Elmer Bernstein

Man könnte meinen, Filmmusik sei dazu da, Filme zu begleiten.
Und dann gibt es diese StĂĽcke, bei denen der Film eher wie eine Ausrede wirkt.

Zur Einordnung:
„Vierzig Wagen westwärts“ – im Original „The Hallelujah Trail“ – ist eine Westernkomödie mit einer der schönsten Ausgangsfragen der Filmgeschichte:
Wie bringt man eine Wagenladung Whisky sicher durch die Prärie, wenn einem gleichzeitig ein Indianerstamm im Nacken sitzt und eine hochmotivierte Gruppe abstinenter Moralwächterinnen von vorn den Nachschub trockenlegen will?

Richtig: gar nicht.
Oder zumindest nicht wĂĽrdevoll.

Und genau diesen herrlich absurden Grundton fängt Elmer Bernstein schon in der Ouvertüre ein.
Sieben Minuten, in denen sich Pathos und Parodie gegenseitig freundlich auf die FĂĽĂźe treten.

Da marschiert etwas los – entschlossen, geschniegelt, mit ordentlich Blech.
Und gleichzeitig schwingt da dieses Augenzwinkern mit, als wĂĽsste die Musik selbst ganz genau, dass es hier nicht um groĂźe Geschichte geht, sondern um groĂźen Unsinn.

Wer den Film kennt, hat sofort Bilder im Kopf:
Staubige Weiten, endlose Wagenkolonnen, und irgendwo dazwischen Frauen, die im Namen höherer Ideale den Alkohol bekämpfen – mit einer Konsequenz, die jedem General zur Ehre gereichen würde.

Und dann diese Momente, in denen die Musik plötzlich kippt.
Vom Marsch ins Spielerische. Vom Ernst in die Ironie.
Als würde Bernstein sagen: „Nehmt das ruhig ernst – aber bitte nicht zu ernst.“

Man könnte das für eine Fingerübung halten.
Ist es aber nicht.

Das ist groĂźe Filmmusik, die sich den Luxus erlaubt, SpaĂź zu haben.
Und genau deshalb funktioniert sie auch heute noch – vielleicht sogar besser als der Film selbst.

Oder anders gesagt:
Wenn Pathos und Humor gemeinsam aufbrechen –
dann klingt das so.

Hallelujah Prost!


🎵 „Hope of Deliverance“ – Paul McCartney

Manchmal sind es nicht die groĂźen Alben, die bleiben.
Sondern diese unscheinbaren Zusammenstellungen – aufgenommen auf Kassette, mit zittrigem Finger am Aufnahmeknopf und der leisen Angst, dass der Moderator ins Intro quatscht.

Zur Einordnung:
„Hope of Deliverance“ erschien Anfang der 90er, irgendwo zwischen Weltmusik-Anklängen und dem unerschütterlichen Optimismus eines Mannes, der schon alles gesehen hat – und trotzdem noch an das Gute glaubt.

Und dann passiert das, was Musik manchmal besser kann als jede Erinnerung:
Sie findet dich wieder.

Vor einiger Zeit habe ich ein altes Mixtape entdeckt.
So eines, wie es heute niemand mehr macht – mit Sorgfalt zusammengestellt, mit Bedeutung aufgeladen, ohne Skip-Taste gedacht.
Eine Jugendliebe hatte damals fĂĽr mich aufgenommen.

Und dieser Song war darauf.

Man könnte meinen, es ginge hier um Nostalgie.
Tut es aber nicht.

Das Lied selbst ist erstaunlich schlicht.
Fast naiv in seiner Hoffnung, dass am Ende alles gut wird – oder zumindest besser.
Kein Zynismus, keine Brechung.
Nur dieser ruhige Glaube daran, dass es irgendwo einen Ausweg gibt, selbst wenn man ihn gerade nicht sieht.

Und genau deshalb trifft es.

Weil diese Hoffnung nicht laut daherkommt.
Sie drängt sich nicht auf.
Sie ist einfach da – wie ein Versprechen, das niemand gegeben hat und das man trotzdem glaubt.

Und während der Song läuft, passiert etwas Seltsames:
Die Erinnerung ist nicht mehr scharf. Keine Details, keine klaren Bilder.
Aber da ist dieses GefĂĽhl.

Zärtlich. Leise. Unaufgeregt.

Man denkt zurĂĽck und nickt.

Manchmal verblasst vielleicht die Erinnerung an Menschen, aber niemals das, was sie einem einmal bedeutet haben.


🎵 „I’d Do Anything for Love (But I Won’t Do That)“ – Meat Loaf

1993 war fĂĽr mich so ein Jahr, in dem groĂźe GefĂĽhle noch keine Entschuldigung brauchten.
Und dann kommt da einer aus Dallas – zusammen mit seinem musikalischen Brandstifter Jim Steinman – und macht aus einem Popsong ein episches Ereignis.

Zur Einordnung:
Das hier ist kein Lied im klassischen Sinne.
Es ist ein Monument mit Refrain.

Klavier, Chor, Gitarren, Pathos – alles maximal.
Steinman denkt nicht in Strophen, sondern in Szenen.
Und Meat Loaf singt nicht, er spielt jede Zeile, als stĂĽnde er auf einer BĂĽhne, die eigentlich zu klein ist fĂĽr das, was da passiert.

Man könnte das für übertrieben halten.
Ist es auch.
Aber eben auf eine gute Art und Weise.

Und mittendrin ist da diese Stimme.
Eine Naturgewalt.

Egal ob nun als Eddie in der The Rocky Horror Show bzw. The Rocky Horror Picture Show oder auf Alben wie Bat Out of Hell und Bat Out of Hell II: Back into Hell –
das ist keine Stimme, die sich einfĂĽgt.
Das ist eine, die den Raum verändert.

Der eigentliche Kern liegt in diesem Spannungsverhältnis:
Das große Versprechen – alles zu geben – und gleichzeitig diese eine Grenze, die nicht überschritten wird.
Nicht erklärt, nicht aufgelöst. Einfach da.

Und plötzlich ist das kein Kitsch mehr, sondern etwas ziemlich Ehrliches.
Weil es anerkennt, dass selbst die größte Hingabe nicht grenzenlos ist.

Ich höre das heute und lande unweigerlich wieder bei diesem Mixtape.
1993. Magnetband, groĂźe GefĂĽhle, kein doppelter Boden.

Man hat solche Songs damals nicht gehört, um sie einzuordnen.
Man hat sie gehört, um sich darin wiederzufinden.

Vielleicht ist genau das verloren gegangen:
Diese Bereitschaft, Dinge einfach groĂź sein zu lassen, ohne sie sofort zu relativieren.

Und dieses Lied bleibt genau deshalb stehen –
wie ein Denkmal für eine Zeit, in der Pathos kein Problem war, sondern die Lösung.

🎵 „Hafen-Casanova“ – Vico Torriani

Man liest den Titel und könnte meinen, jetzt wird es schräg.
Wird es auch.

Zur Einordnung:
„Hafen-Casanova“ aus dem Jahr 1962 spielt nicht auf hoher See, sondern da, wo es eigentlich interessant wird: im Hafen im„Goldenen Anker“.
Nachts. Wenn das Licht weicher wird und die Maßstäbe gleich mit.

Da sitzt einer, der genau weiĂź, wie der Laden funktioniert.
Kein Abenteurer, kein Suchender – eher ein Profi des gepflegten Auftritts.
GroĂźzĂĽgig, charmant, immer ein bisschen zu viel von allem.
Und am Ende der Letzte, der noch ĂĽbrig ist, wenn die Lichter angehen.

Das Ganze getragen von diesem ganz eigenen 50er/60er-Jahre-Schlager-Ton:
beschwingt, geschniegelt, mit einer Prise Fernweh und einem Hauch „Bella Italia“, auch wenn man den Hafen nie wirklich verlässt.
Diese Musik tut so, als wäre die Welt leicht – und genau deshalb glaubt man es für drei Minuten.

Man könnte das für oberflächlich halten.
Ist es auch.
Aber mit Ansage.

Ich bin diesem Lied nicht bewusst begegnet.
Es hat sich eingeschlichen.

Irgendwann in den frühen 80ern, spätabends am Radio.
Diese Stunden, in denen man als Kind eigentlich längst schlafen sollte – und stattdessen an den Frequenzen dreht.
Und dann sind da diese Piratensender entlang der deutsch-niederländischen Grenze.

Ein eigenwilliges Biotop:
Oldies, schräge Nummern, leicht Anzügliches, Dinge, die offiziell vermutlich nie einen Sendeplatz bekommen hätten.
Alles ein bisschen drüber, ein bisschen daneben – und genau deshalb spannend.

Und mittendrin dieser Song.

Man könnte das für belanglos halten.
Vielleicht ist es das sogar.

Aber manchmal reicht ein schiefes Lied zur richtigen Zeit, um hängen zu bleiben.


🎵 „Now and Then“ – The Beatles

Man könnte meinen, es gäbe Dinge, die abgeschlossen sind.
Kapitel, die man nicht mehr aufschlägt.
Geschichten, die man nicht weitererzählt.

Und dann heißt es plötzlich:
Es gibt einen neuen Beatles-Song!

Zur Einordnung:
„Now and Then“ basiert auf einer alten Demo von John Lennon, lange Zeit technisch kaum nutzbar, irgendwo zwischen Fragment und Legende abgelegt.
Erst Jahrzehnte später wurde daraus – mit ein bisschen Geduld, KI und sehr viel Feingefühl – tatsächlich ein fertiges Stück.

Und das hätte furchtbar schiefgehen können.

Man könnte erwarten:
zusammengesetzt, kĂĽnstlich, mehr Idee als Musik.

Ist es aber nicht.

Es war ein Gänsehautmoment.
Nicht, weil da „neu“ draufstand.
Sondern weil es sich echt und nach „schon immer da“ anfĂĽhlt.

Diese Stimmen.
Dieses Zusammenspiel.
Kein Trick, kein Effekt, kein „Schaut mal, was wir können“.
Sondern einfach ein Lied.

Und genau darin liegt die Stärke.

Es versucht nicht, Geschichte zu sein.
Es ist einfach da.
Leise, fast zurückhaltend, wie ein spätes Wiedersehen ohne große Worte.

Vielleicht ist das das Ăśberraschende daran:
Dass es nicht wie ein Projekt klingt,
sondern wie ein Stück Musik, das seinen Weg einfach etwas später gefunden hat.


🎵 „Blue Café“ – Chris Rea

Heute stolpert man ja eher selten ĂĽber Songs.
Meistens sucht man sie – oder sie werden einem vom Algorithmus vorgeschlagen.
Und dann gibt es diese Fälle, in denen sie einfach da sind, weil sie genau dahin gehören.

Zur Einordnung:
„Blue Café“ taucht im Umfeld von Schimanski: Blutsbrüder auf – mit Götz George und einem noch angenehm unglamourösen Christoph Waltz.
Ein Film, der nicht geschniegelt daherkommt, sondern genau die richtige Portion Kante hat.

Und mittendrin – als Leitmotiv – dieser Song.

Man könnte meinen, das sei einfach solides Handwerk.
Ist es natĂĽrlich auch.
Aber eben gutes.

Chris Rea macht hier nichts Spektakuläres.
Keine große Geste, kein unnötiger Aufwand.
Ein klarer Groove, eine Melodie, die sofort sitzt, und diese Stimme, die klingt, als hätte sie schon ein paar Kilometer mehr gesehen als der Rest.

Der Text erzählt von Aufbruch und Preis.
Davon, dass jede Entscheidung etwas kostet – und dass man es trotzdem tut.
Nicht, weil es klug ist.
Sondern weil man sonst stehen bleibt.

Dieses „Blue Café“ ist dabei weniger ein Ort als ein Zustand.
Ein Treffpunkt irgendwo zwischen dem, was man war, und dem, was man noch werden könnte.
Kein großes Drama – eher diese leise Ahnung, dass man sich selbst irgendwann einholen muss.

Ich bin über den Song gestolpert, weil er genau da auftaucht, wo er hingehört:
in einem Film, der Figuren zeigt, die nicht geschniegelt durchs Leben gehen, sondern durchkommen mĂĽssen.

Und dann bleibt er hängen.

Nicht, weil er alles verändert.
Sondern weil er einfach funktioniert.

Ein guter Song.
Zur richtigen Zeit.

Und vielleicht auch ein kleiner Moment, um an den kĂĽrzlich verstorbenen Chris Rea zu denken.
Nicht, weil man muss.
Sondern weil es sich gerade anbietet.

🎵 „Samurai“ – Erste Allgemeine Verunsicherung

Man könnte meinen, zum Schluss müsste noch einmal etwas Großes kommen.
Etwas Ernstes. Bedeutendes.

Und dann kommen die Jungs von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung.

Zur Einordnung:
Die EAV war nie einfach nur eine Band.
Sie war ein Gegenentwurf.
Bunt, überdreht, manchmal hart an der Grenze – und genau deshalb wichtig.

Ich habe sie seit frĂĽhester Jugend geliebt, weil sie anders waren.
Weil sie sich nichts geschissen haben auf Erwartungshaltungen, auf Geschmackspolizei, auf das, was „man so macht“.

„Samurai“ ist dafür ein ziemlich gutes Beispiel.

Auf den ersten Blick: Klamauk.
Ein bisschen drĂĽber, ein bisschen billig, ein bisschen zu laut.
Man lacht – und hakt es ab.

Wenn man aber einmal genau hinhört, wird es plötzlich ziemlich unangenehm.

Da ist dieser Herr Meier.
Zuhause eine graue Maus.
Und im Urlaub plötzlich jemand, der sich alles leisten kann.

Und genau hier setzt die eigentliche Kritik an:
Der Song ist eine ziemlich offene Abrechnung mit Sextourismus.

Mit dieser üblen Melange aus Geld, Macht und Verdrängung.
Mit Männern, die sich in einem fremden Land Dinge erlauben, die sie zuhause nicht einmal denken würden.
Mit einer Doppelmoral, die im Flugzeug beginnt und am Gepäckband noch lange nicht endet.

Die scheinbar lustigen Zeilen sind eben keine Pointe.
Sie sind Beschreibung.

Ein System, in dem Nähe gekauft wird.
In dem Rollen gespielt werden, die mit Realität wenig zu tun haben.
Und in dem sich jemand Bedeutung aneignet, die er sich im eigenen Leben nie erarbeitet hat.

Man könnte das überhören und viele haben das auch.

Die EAV wusste genau, wie man solche Themen verpackt:
erst Lachen, dann Erkenntnis.

Und plötzlich kippt das Lied.

Aus Klamauk wird Kritik.
Aus Witz wird ein ziemlich präziser Blick auf etwas, das man lieber nicht so genau sehen will.

Vielleicht ist genau das ihre größte Stärke gewesen:
nicht moralisch zu predigen –
sondern zu zeigen.

Und das reicht oft völlig aus.


Damit wäre diese Runde erst einmal abgeschlossen – Zehn neue StĂĽcke, zehn weitere Kapitel.

Allerdings läuft im Hintergrund noch etwas anderes.
Die Arbeiten an „Zeitkapsel (1992–1999)“ gehen in die Zielgerade.
Ein Album mit meinen Songs aus diesem Jahrzehnt – geschrieben zwischen Anfang und Ende der 90er, gespielt auf Bühnen, in Kneipen, in Turnhallen, vor wenigen oder auch mal mehr Leuten.
Lieder, die gelebt wurden, aber nie auf Tonträgern erschienen sind.
Nicht aus Prinzip.
Sondern weil damals schlicht die Möglichkeiten fehlten.

Wenn man so will: genau die Welt, die in „Demain le monde“ von Patrick Bruelbeschrieben wird.
Die zwischen kaputten Soundchecks, zu großen Träumen und diesem hartnäckigen Glauben daran, dass es irgendwann mehr wird.

Und genau aus dieser Zeit bei mir stammen diese Songs.

Jetzt finden sie ihren Weg nach drauĂźen.
Neu interpretiert, aber nicht neu erfunden.
Mit der Stimme von heute – und dem Gefühl von damals.

Und das wird Folgen haben.

Denn mit dem nächsten oder übernächsten Teil dieser Reihe werden dann erstmals auch eigene Stücke in dieser Playlist auftauchen.
Nicht als Promo.
Sondern weil sie genau hier hingehören.

Und damit wird es auch ein kleines StĂĽck konkreter.

Damals, 1993, dieses Mixtape.
Große Gefühle, große Songs – und irgendwann der Punkt, an dem man sich fragt, ob man darauf nicht selbst antworten muss.

Ich habe es getan.

Mit einem eigenen Lied.

Welches das war, erfahrt ihr vielleicht schon im nächsten Teil.

Author: -th-

Jahrgang 1976, Musiker, Mentalist und Autor mit ausgeprägter Neigung zu sinnlosen Fakten und sinnvollen Meinungen. Lebt in Köln, ist aber keiner von dort – was ihm die Stadt erstaunlich wenig übelnimmt. Unverheiratet, aber in einer festen Beziehung mit Film, Serie und Hörspiel. Wenn er nicht auf Bühnen steht oder in Tastaturen hämmert, schwafelt er über Kabarett, alte TV-Schätze und die Welt im Allgemeinen – vorzugsweise bei einem gut gelaunten Kölsch. Hält sich selbst für witziger, als er tatsächlich ist, findet das aber völlig in Ordnung.

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