Die heilige Parklücke

Warum Köln gleichzeitig bezahlbaren Wohnraum, mehr Grün und bloß keine Veränderung haben will

Es ist wieder einmal soweit: In Köln wird über ein Neubaugebiet gestritten. Genauer gesagt darüber, dass für dieses Neubaugebiet Bäume weichen müssten. Und wie immer beginnt damit das vertraute Ritual deutscher Großstadtromantik.

Menschen, die seit zwanzig Jahren relativ komfortabel wohnen, entdecken plötzlich ihre innere Mischung aus Stadtökologe, Landschaftsschützer und Amazonas-Aktivist. Irgendwo könnten schließlich Bäume verschwinden. Das ist natürlich furchtbar. Fast so schlimm wie die Tatsache, dass junge Familien, Alleinerziehende, Studenten und Normalverdiener inzwischen Schwierigkeiten haben, in dieser Stadt überhaupt noch bezahlbaren Wohnraum zu finden.

Aber Prioritäten müssen gesetzt werden.

Die wichtigste ökologische Ressource der Stadt ist offenbar die Aussicht des Bestandsmieters auf drei Büsche und einen halb vertrockneten Ahorn.

Besonders faszinierend ist dabei die Parallelwelt, in der diese Diskussionen stattfinden. Denn dort existieren angeblich:

  • ganze leerstehende Straßenzüge,
  • massenhaft ungenutzte Wohnungen,
  • und vermutlich irgendwo auch noch das Atlantis der sozialen Stadtplanung.

Fragt man allerdings nach konkreten Straßen, belastbaren Zahlen oder Quellen, wird es schnell mystisch. Dann heißt es plötzlich:
„Das weiß man doch.“

Ach so. Wissenschaft durch Hörensagen und Telegram-Gefühlstherapie.

Die Realität ist leider deutlich weniger romantisch. Köln hat seit Jahren massiven Wohnungsmangel. Die Leerstandsquote ist niedrig. Sehr niedrig.

Natürlich gibt es Leerstand:

  • Erbfälle,
  • Sanierungsfälle,
  • ungeklärte Eigentumsverhältnisse,
  • Insolvenzverfahren,
  • Denkmalschutz,
  • Streitigkeiten unter Erben,
  • Verwaltungschaos.

Und selbstverständlich muss spekulativer Leerstand konsequent bekämpft werden:
Klare Fristen. Klare Regeln. Und wenn Wohnraum in einer Stadt mit Wohnungsmangel absichtlich jahrelang vergammelt, dann muss am Ende auch Enteignung möglich sein.

Allerdings sprechen wir da dann trotzdem über jahrelange Verwaltungsverfahren, Gutachten, Gerichtsprozesse und Eigentumsklärungen.
In Deutschland dauert ja mittlerweile schon die Genehmigung eines Fahrradbügels ungefähr so lange wie früher der Bau der Cheops-Pyramide. Ein Neubaugebiet könnte unter Umständen schneller fertig sein als die juristische Entwirrung eines einzigen vergammelten Altbaus mit ungeklärter Erbengemeinschaft.

Das Problem ist also nicht entweder Neubau oder Leerstand.

Eine wachsende Großstadt braucht beides:

  • konsequentes Vorgehen gegen spekulativen Leerstand
    und
  • neuen Wohnraum.

Aber genau an diesem Punkt beginnt in Deutschland zuverlässig die ideologische Folklore.

Mir fiel in den Diskussionen zu diesem Thema irgendwann auf, wie selektiv das ökologische Bewusstsein plötzlich wird. Ich schlug vor, einfach einmal ein Drittel der öffentlichen Parkplätze in Köln in Grünflächen umzuwandeln.

Und plötzlich geschah ein Wunder.

Menschen, die wenige Minuten zuvor noch jeden Quadratmeter Neubaufläche als unersetzliche Klimaoase verteidigten, entdeckten schlagartig ihren inneren Immobilienentwickler:
„Da könnte man doch Häuser bauen!“

Merken Sie selbst, oder?

Für Wohnungen dürfen keine Bäume weichen.
Aber wenn man stattdessen den heiligen deutschen Parkplatz antastet, wird derselbe Mensch plötzlich flexibler als ein Wahlprogramm der FDP drei Wochen vor der Bundestagswahl.

Und genau dort beginnt die eigentliche Doppelmoral dieser Debatten.

Denn was ist heute einer der größten Flächenverbraucher in deutschen Städten?
Nicht Spielplätze, nicht Wohnhäuser, nicht Grünanlagen.

Es sind stehende Autos.

Tonnenweise Blech, das 23 Stunden am Tag öffentlichen Raum blockiert, sich im Sommer aufheizt wie eine mobile Grillplatte und nachts die gespeicherte Wärme wieder abstrahlt.
Ganze Straßenzüge funktionieren an heißen Tagen inzwischen thermisch ungefähr wie ein Umluftofen mit Außengastronomie.

Aber wehe, irgendwo soll ein Baum für Wohnungen weichen.

Dabei reden wir bei einer Reduktion von einem Drittel der öffentlichen Parkplätze in Köln nicht über symbolische Kosmetik. Das wären grob bis zu drei Quadratkilometer Fläche. Rund 420 Fußballfelder.

Nicht „ein paar Blumenkübel“, sondern eine der größten Entsiegelungs- und Begrünungsmaßnahmen, die diese Stadt jemals gesehen hätte.

Drei Quadratkilometer mehr:

  • Bäume,
  • Schattenflächen,
  • Versickerungsflächen,
  • Pocket-Parks,
  • begrünte Aufenthaltsräume,
  • Schwammstadt-Strukturen.

Drei Quadratkilometer weniger:

  • Asphalt,
  • aufgeheiztes Blech,
  • Wärmespeicherung,
  • versiegelte Fläche,
  • stehender Verkehr.

Und jetzt wird es interessant.

Studien und Stadtklima-Modelle zeigen längst, dass genau solche Maßnahmen lokal durchaus ein bis drei Grad reale Abkühlung bringen können — bei der gefühlten Temperatur im direkten Umfeld teilweise sogar bis zu fünf oder sieben Grad.

Sieben Grad.

Das ist der Unterschied zwischen:
„Ach, heute ist warm“
und
„Warum fühlt sich die Innenstadt an wie ein Airfryer mit Straßenbahnanschluss?“

Dazu kämen:

  • weniger Feinstaub,
  • weniger Reifenabrieb,
  • weniger Bremsstaub,
  • bessere Luftzirkulation,
  • weniger aufgeheizte Nächte,
  • bessere Regenwasserversickerung,
  • weniger Starkregenprobleme,
  • mehr Aufenthaltsqualität.

Kurz: echte Stadtökologie mit mehr Lebensqualität für alle!

Nicht dieses deutsche Ersatzritual:
„Wir retten das Klima, indem wir jeden Neubau verhindern, aber 300 Meter parkende SUV weiterhin als natürliche Biotopform akzeptieren.“

Denn genau das ist der eigentliche Irrsinn:
Die Menschen diskutieren erbittert über ein paar gefällte Bäume, während gleichzeitig hunderttausende Quadratmeter öffentlicher Raum als Dauerlager für Privatfahrzeuge missbraucht werden.

Und genau darüber müsste man endlich mal ehrlich sprechen.

Warum gilt es eigentlich als völlig selbstverständlich, dass jemand in einer Millionenstadt zwei Autos direkt vor der Haustür stehen hat — möglichst für Gebühren, die ungefähr dem Preis von drei mittelmäßigen Lieferdienst-Pizzen entsprechen?

Ein privater Stellplatz in Köln kostet schnell 80 bis 150 Euro im Monat – je nach Lage sogar noch mehr.

Aber im öffentlichen Raum tun wir plötzlich so, als sei dieselbe Fläche – die eigentlich allen Bürgern gehört – wertlos.

Dabei wäre die Lösung eigentlich erstaunlich simpel:

Wer ein Auto besitzt und keinen privaten Stellplatz oder keine Garage nachweisen kann, zahlt eine spürbare Gebühr für die Nutzung öffentlichen Raums.
Zum Beispiel:
50 Euro im Monat / 600 Euro im Jahr.

Mit Übergangsfristen, Härtefallregelungen und Ausnahmen für Menschen, die gesundheitlich oder beruflich wirklich aufs Auto angewiesen sind. Alles machbar.

Aber grundsätzlich:
Warum soll die Allgemeinheit dauerhaft riesige Mengen wertvoller Stadtfläche quasi kostenlos als privates Blechlager bereitstellen?

Und nein:
Das wäre keine „Anti-Autodiktatur“.
Das wäre einfach eine ehrlichere Bepreisung knappen urbanen Raums.

Wer sich ein Auto inklusive Versicherung, Steuer, Wartung, Sprit, TÜV usw. leisten kann, für den wirken 50 Euro monatlich für dauerhaft belegten öffentlichen Raum ehrlich gesagt nicht völlig absurd.

Und vielleicht führt genau das irgendwann zu revolutionären Einsichten wie:
Brauche ich wirklich zwei Autos?
Reicht vielleicht Carsharing?
Brauche ich den SUV wirklich mitten in der Großstadt?
Wäre ein Roller vielleicht sinnvoller?

Ja, ich weiß:
gefährliches Gedankengut.

Und selbstverständlich müsste man parallel den ÖPNV massiv stärken:

  • bessere Nachtverbindungen,
  • zuverlässigere Takte,
  • Quartiersgaragen,
  • Carsharing,
  • Fahrrad-Infrastruktur.

Genau das machen andere europäische Städte längst:
Paris, Amsterdam, Kopenhagen, Oslo oder Barcelona.
Dort hat man verstanden, dass öffentlicher Raum irgendwann physikalisch begrenzt ist. Man kann nicht gleichzeitig:

  • maximale Individualmobilität,
  • unbegrenzten kostenlosen Parkraum,
  • mehr Grün,
  • mehr Wohnraum,
  • breitere Gehwege,
  • sichere Radwege,
  • bessere Luft,
  • niedrigere Temperaturen
    und
  • unveränderte Straßenbilder
    haben.

Irgendwann kollidiert das schlicht mit der Realität.

Und genau deshalb wirkt ein Teil der deutschen Großstadtdebatte inzwischen wie ein Kindergeburtstag für Wohlstandsromantiker:
Man möchte die Stadt konservieren wie ein Freilichtmuseum, jede Veränderung verhindern und sich anschließend wundern, warum Wohnen unbezahlbar wird.

Die ökologisch sinnvollste Stadt ist wahrscheinlich nicht die, in der jede freie Fläche sakralisiert wird, während hunderttausende Autos Asphalt aufheizen.

Sondern die, die:

  • intelligent verdichtet,
  • konsequent begrünt,
  • weniger Fläche für stehende Fahrzeuge verschwendet,
  • moderne energetische Standards nutzt,
  • Dächer und Fassaden begrünt,
  • Solar installiert,
  • Straßen entsiegelt,
  • und Wohnraum dort schafft, wo Menschen tatsächlich leben wollen.

Aber dafür müsste man irgendwann akzeptieren, dass eine Millionenstadt kein Dorf mit Tiefgarage ist.

Author: -th-

Jahrgang 1976, Musiker, Mentalist und Autor mit ausgeprägter Neigung zu sinnlosen Fakten und sinnvollen Meinungen. Lebt in Köln, ist aber keiner von dort – was ihm die Stadt erstaunlich wenig übelnimmt. Unverheiratet, aber in einer festen Beziehung mit Film, Serie und Hörspiel. Wenn er nicht auf Bühnen steht oder in Tastaturen hämmert, schwafelt er über Kabarett, alte TV-Schätze und die Welt im Allgemeinen – vorzugsweise bei einem gut gelaunten Kölsch. Hält sich selbst für witziger, als er tatsächlich ist, findet das aber völlig in Ordnung.

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